Reiterin erfüllt sich Traum: mit zwei Pferden ganz Deutschland durchquert

Tangstedt. Gut neun Stunden ist man mit dem Auto von der Ost-Schweiz in den Süden Schleswig-Holsteins unterwegs, das Flugzeug von Zürich nach Hamburg braucht lediglich eine Stunde, doch die gebürtige Tangstedterin Nina Liebler entschied sich für einen Wanderritt mit zwei Islandpferden und ihrer Hündin Jill. Vom schweizerischen Mollis nach Tangstedt legte das ungewöhnliche Kleeblatt in sechs Wochen 1350 Kilometer zurück.

„Es war ein Traum, den ich mir endlich erfüllen konnte“, sagt die 50-Jährige. Mit 22 Jahren war die Krankenpflegerin in die Schweiz gegangen. „Dort kann man gut Geld verdienen, denn es wird deutlich mehr als in Deutschland bezahlt.“ Als Leiterin der Intensivabteilung des Kantonspitals Glarus hat die Mutter von drei Töchtern inzwischen den eidgenössischem Pass, doch ihr Herz ist immer auch bei den Eltern und ihrer Schwester Katja in Tangstedt.

„Ich bin schon öfter längere Strecken mit meinen Pferden unterwegs gewesen, doch diese Reise war etwas Besonderes“, erzählt die sportliche Frau, die es im Winter mit Tourenskiern und im Sommer zum Wandern und Biken in die Berge zieht. „Mit meinem Jahresurlaub, zwei Wochen Jubiläumsurlaub für 20 Jahre Arbeit im Spital und vielen Überstunden hatte ich die Möglichkeit, insgesamt drei Monate freizumachen.“ Für den Hinweg hatte sie sechs Wochen eingeplant, für die deutlich kürzere Rück-Tour zu Freunden ins bayerischen Bad Brückenau knapp drei Wochen – dort wird sie ihr Freund Mitte Juni mit einem Pferdeanhänger abholen.

Über den Winter hatte Nina Liebler den neunjährigen Schimmelwallach Dagúr und den 15-jährigen Braunen Glen gewissenhaft vorbereitet. „Für das Fitness-Training waren wir fast täglich 20 Kilometer unterwegs.“ Am 1. April startet das große Abenteuer – gleich mit einer Planänderung. „Eigentlich wollte ich über Wanderwege über die Alpen reiten, aber dort lag zu viel Schnee. Also mussten wir uns die geräumte Passstraße mit den Autos teilen.“ In Konstanz wurden die Ponys zu Seepferdchen und Hündin Jill zum Seehund, denn mit der Fähre ging es über den Bodensee nach Meersburg. „Obwohl es für Dagúr und Glen das erste Mal auf dem Wasser war, haben sie die Überfahrt gewohnt gechillt gemeistert“, erzählt Nina Liebler lachend. Durch Bayern entlang der Donau und der tschechischen Grenze führte sie ihr Weg über Erfurt, den thüringischen Rennsteig und Magdeburg bis ins niedersächsische Darchau. Dort ging es mit der Fähre über die Elbe und anschließend über Mecklenburg-Vorpommern nach Tangstedt in Schleswig-Holstein. Meistens auf menschenleeren Feld- und Waldwegen, sogar in Begleitung einer Hirschwanderung, mitten durch die erwachende Frühlingsnatur. „Ich bin überwältigt, wie schön Deutschland ist“, stellt die Neu-Schweizerin fest.

„Früher mussten sich Wanderreiter mit Landkarten aus Papier abmühen, heute gibt es Apps mit entsprechender Wegführung und Infos über Wanderreitstationen, so dass man sich eigentlich gar nicht verreiten kann, aber das passiert dann trotzdem“, weiß die Amazone aus eigener Erfahrung. So stand sie plötzlich in Bayern vor einem Militärsperrgebiet, das nicht in ihrer digitalen App angezeigt wurde. Der lange Umweg führte direkt an der verkehrsreichen B85 entlang. „Neben uns donnerten tonnenschwere Laster vorbei – das war krass, aber auch das haben alle Vierbeiner anstandslos bewältigt.“

Morgens gegen acht Uhr ging es meistens los. Abwechselnd trugen die beiden Islandpferde das rund 30 Kilogramm schwere Gepäck, darunter Futter, Zelt, Schlafsack und einen mobilen Zaun mit Akku-Gerät. An Kleidung hatte Nina Liebler bewusst gespart. „Eine Reithose musste reichen, wichtiger waren ein wetterfester Reitmantel, Merino-Unterwäsche und -Pullover sowie zwei Paar Wanderstiefel.“ 

Rund 40 Kilometer Strecke machte das Team pro Tag. „Zwischen 15 und 17 Uhr hatten wir unser jeweiliges Ziel erreicht, das ich etwa zwei Tage vorher online gesucht hatte.“

Übernachtet wurde auf Bauern- und Reiterhöfen auf Heuböden, in Boxen, in Reiterstübchen und Bauwagen oder im eigenen Zelt auf einer Wiese. „Ich habe viele wundervolle Menschen kennengelernt, die so begeistert von meiner Reise waren, dass sie vielfach kein Geld für die Beherbergung haben wollten und mich oft auch noch zum Essen eingeladen haben“, erzählt die Grenzgängerin.

Ohnehin bekam sie während des gesamten Trips viel Zuspruch und war in manchen Dörfern eine Attraktion. „Als ich etwa nach dem Einkauf in einem Edeka-Laden herauskam, stand fast die gesamte Belegschaft um meine Tiere herum und fragte, ob sie sie mit Karotten, Äpfeln und Hunde-Leckerlis füttern dürfte“, erinnert sich Nina Liebler.

Einen Schreckmoment erlebte sie, als Wallach Glen nach zwei Wochen plötzlich lahmte. „Ich bin ohne Erwartungen losgeritten, aber wenn die Reise dort geendet hätte, wäre es schade gewesen.“ Doch dank Physiotherapeutin und ein paar Tagen Schonung ging es dem Pony schnell besser.

Um einige Kilos leichter und mit der Erkenntnis, dass eine der Packtaschen nicht wasserdicht ist, sowie dass ein Satz Hufeisen tatsächlich 1350 Kilometer halten können, war die Truppe nach genau sechs Wochen am Ziel. Die Pferde bekamen Erholungsurlaub beim Nachbarn auf der Weide und Nina Liebler tauchte für zehn Tage ein ins heimische Familienleben. Sehr zur Freude von Mama Ulla, denn „so lange war Nina schon lange nicht mehr bei uns am Stück, sonst kommt sie zwei- bis dreimal pro Jahr nur übers Wochenende angeflogen.“ Bedenken hinsichtlich des langen Wanderrittes ihrer Tochter hatte sie übrigens nie. „Wenn Nina sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es auch durch – das war schon immer so!“

Mittlerweile ist die Reiterin mit Pferden und Hündin wieder auf dem Heimweg. Auf ihrem Instagram-Account isis.on.tour kann man sie begleiten.