Sträucher und Unkräuter wachsen durch den Bauzaun, Zimmerfenster hängen schief in den Angeln oder fehlen ganz – nach knapp sechs Jahren Leerstand und dem Abriss einer Kate ist von dem ehemaligen Alten- und Pflegeheim Sommer in Tangstedt nur noch eine verwahrloste Ruine übrig. Doch nach langem Stillstand kommt jetzt wieder Bewegung in das Projekt.
Seit Ende 2020 wird immer wieder über den Neubau einer Seniorenwohnanlage an der Dorfstraße spekuliert. Nach der Insolvenz des Betreibers und dem Auszug der Bewohner hatte der Eigentümer, die Gesellschaft für Wohnkonzepte (GWK) in Seelze bei Hannover, Pläne vorgelegt, doch bis auf den erwähnten Teilabriss ist nichts passiert.
Jetzt bestätigt Torsten Schulz, Geschäftsführer von GWK, auf Anfrage des Hamburger Abendblattes: „Wir durchleben wirtschaftlich schwierige Zeiten, Baukosten und Banksicherheiten explodieren – das macht die Suche nach einem Investor schwierig. Doch nun haben wir mit einem ausländischen Investor die perfekte Lösung gefunden. Aktuell werden die Verträge ausgearbeitet und sind in den kommenden zwei Monaten unterschriftsreif. Der Betreiber wird ein Top-Konzept anbieten, das betreutes Servicewohnen bis zum Lebensende inklusive entsprechender Pflegeangebote beinhaltet.“
Das neue Gebäude soll Platz für 90 statt wie bisher für rund 40 Senioren bieten und vornehmlich mit Einzelzimmern ausgestattet werden. Die bereits erteilte Baugenehmigung sei weiterhin gültig und der Baukörper würde wie in den vorgelegten Plänen realisiert. „Mit dem Bau könnten wir vielleicht schon dieses Jahr beginnen. Der Abriss des Altgebäudes geht schnell, da es bereits entkernt ist und nur noch die Mauern stehen. Das Material werden wir nachhaltig für die Verfüllung der entstehenden Baugrube nutzen“, erklärt Torsten Schulz.
Eine wichtige Nachricht für Tangstedt, denn in der Gemeinde gibt es immer mehr ältere Bürgerinnen und Bürger, die aus ihren Einfamilienhäusern in seniorengerechte und barrierefreie Wohnungen umziehen möchten. Mit dem Landhaus Ruhetal im Ortsteil Rade gibt es lediglich eine Betreuungseinrichtung für rund 25 Personen – zu wenig für eine Gemeinde mit rund 6700 Einwohnern.
Für die direkten Anwohner ist die Ruine des alten Seniorenheimes seit Jahren kein schöner Anblick. Doch die Nachricht, dass sich das nun ändern soll, kommt bei einem Nachbarn auch nicht gut an: „Der Anblick der Ruine ist das kleinere Übel im Vergleich mit dem zehn Meter hohen Betonklotz, der hier gebaut werden soll“, sagt ein Mann, der unmittelbar an der Grundstücksgrenze wohnt und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
„Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Regelmäßig kommen sogar Rehe auf das Gelände, um zu fressen.“ Unliebsame Besucher gebe es in dem Lost Place keine. Lediglich die Holzverkleidungen einiger Balkone seien vor einiger Zeit gestohlen worden, sagt der Anwohner.
Für ihn passt „eine riesige Bettenburg“ nicht zu der umliegenden Bebauung aus Reihen- und Mehrfamilienhäusern und zerstört den dörflichen Charakter. „So etwas gehört auf eine größere Freifläche wie etwa ins geplante Neubaugebiet an der Lindenallee“, argumentiert er. „Die enge Dorfstraße ist der Schulweg für viele Kinder zur benachbarten Grundschule. Zusätzlich zum Busverkehr ist die Straße nicht für den stetigen Anlieferverkehr eines Seniorenheimes in dieser Größe ausgelegt, zudem fehlen ausreichend Parkplätze für Personal und Besucher.“
Und der Tangstedter fürchtet den möglichen Werteverlust seines Eigenheims, in dem er seit 26 Jahren lebt, wenn der „Betonbunker“ gebaut würde. Dann lieber auf eine hässliche Ruine hinter einem überwucherten Bauzaun schauen.
