Kostenlose Behandlungen in der "Praxis ohne Grenzen"

NORDERSTEDT. Geschätzt haben bundesweit bis zu zwei Millionen Menschen keine Krankenversicherung. Im Krankheitsfall hatten sie bislang keine Anlaufstelle und riskierten gravierende gesundheitliche Folgen.

Für diese Menschen gibt es nun in der Ochsenzoller Straße 124 in den Räumen des DRK-Norderstedt eine „Praxis ohne Grenzen“. Es ist die achte Einrichtung dieser Art in Schleswig-Holstein, die nach der Idee des Segeberger Arztes Dr. Uwe Denker entstanden ist. Patientinnen und Patienten werden jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr ohne Anmeldung kostenlos von 16 ehrenamtlich tätigen Ärztinnen und Ärzten, Assistenten und Pflegepersonal behandelt – vom Schnupfen bis zum Schlaganfall. Jeden ersten Mittwoch im Monat steht außerdem von 12.30 bis 17 Uhr ein Zahnmobil für Behandlungen vor dem Gebäude.

Die Gründe, warum Menschen keinen Versicherungsschutz haben, sind vielfältig. Vielfach sind Selbstständige mit finanziellen Problemen darunter. Bricht etwa bei einem Dachdeckermeister spontan ein großer Auftrag weg oder sind seine Kunden im Zahlungsverzug, werden die Beitragszahlungen für die private Krankenversicherung ausgesetzt – oftmals dauerhaft. Gleiches gilt bei Geschäftsaufgaben. Betroffen sind auch wohnungslose Menschen ohne soziale Bindung, Geflüchtete ohne Aufenthaltsgenehmigung sowie Kinder, die wegen fehlender Krankenversicherung ihrer Eltern nicht familienversichert sind und damit keinen Anspruch auf medizinische Versorgung haben.

„Das ist leider ein Armutszeugnis für unseren Staat, der den Anspruch hat, dass niemand in Deutschland durchs Raster fällt, denn Gesundheit ist ein Grund- und Menschenrecht“, urteilte mit klaren Worten Schleswig-Holsteins Sozialministerin Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Einweihung der Norderstedter „Praxis ohne Grenzen“. Dass Ehrenamtliche die staatliche Aufgabe übernähmen, dafür schäme sie sich etwas und sei umso dankbarer für das Engagement.

„Wir sind die freiwillige Feuerwehr im Gesundheitswesen – nur mit dem Unterschied, dass wir das Löschwasser bezahlen müssen, denn es gibt keinerlei Unterstützung und wir müssen uns über Geld- und Sachspenden finanzieren“, merkte Dr. Uwe Denker an, der vor 17 Jahren die erste „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg eröffnete.

Umso glücklicher ist Edda Rönnau-Jahn, dass die Norderstedter Praxis mietfrei in den Räumen des DRK untergebracht werden konnte. Auch die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas und Internet werde vom DRK übernommen. „Ein EKG- sowie ein Ultraschallgerät und medizinisches Material haben wir aus Praxisauflösungen erhalten. In Zukunft sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen“, so die stellvertretende DRK-Vorstandsvorsitzende.

Wie viele Patientinnen und Patienten künftig mittwochs kommen werden, sei ungewiss. Das ehrenamtliche Praxisteam werde zunächst umschichtig im Tandem arbeiten. Mit dabei sind einige bekannte Gesichter wie Willy Tegen, der als Arzt für Innere Medizin und Kardiologie 25 Jahre in der Heidbergstraße praktizierte. „Ich habe einen Beruf gewählt, der nicht mit der Rente aufhört und werde daher immer weiter Menschen helfen“, sagt der 79-Jährige, der sich bislang in der Flüchtlingshilfe der Hamburger Praxis Andocken engagierte.

Auch Dr. Manuela Rothe zählt zum Team. Die Psychologin geht Ende des Jahres in Rente. „Über die wertvolle Arbeit von Dr. Uwe Denker hatte ich schon viel gehört und als ich erfuhr, dass es einen ‚Ableger‘ in Norderstedt geben würde, war sofort klar, dass ich auch dabei sein möchte“, sagt die 64-Jährige. „Ich werde mit meiner Expertise das medizinische Angebot interdisziplinär ergänzen, denn viele Menschen brauchen jemanden, der ihnen zuhört und Perspektiven aufzeigt.“ 

Wer das DRK finanziell unterstützen möchte, zahlt seinen Beitrag auf das Konto: DRK Ortsverein Norderstedt, Stichwort: Praxis ohne Grenzen, IBAN: DE29 2135 2240 0100 6129 79 bei der Sparkasse Holstein.