Norderstedt. In Rumänien leben Hunderttausende heimatlose Hunde auf den Straßen. Ständig auf Futtersuche sind sie Krankheiten und vielen Gefahren ausgesetzt. Dass Carlo die harte Zeit überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Gut vier Jahre führte der schwarze Rüde mit weißer Brust einen täglichen Überlebenskampf – bis er von einem Auto angefahren wurde. Der Fahrer kümmerte sich nicht um den schwerverletzten Hund am Straßenrand. Über Wochen schleppte der sich trotz tiefer Wunden herum. Als ihn Tierretter fanden, war das Gewebe um die Verletzungen bereits abgestorben und hatte die Knochen angegriffen. Die Helfer nannten den Hund nach seiner schwarzen Fellfarbe „Corb“, was auf Rumänisch „Rabe“ bedeutet, und brachten ihn zu einer Tierärztin. Deren Diagnose war niederschmetternd: Das hintere linke Bein sei nicht zu retten und müsse bis zum Becken amputiert werden. Für viele Hunde wäre das ein Todesurteil gewesen.
Doch nun geschah ein weiteres Wunder: Die Tierschutzorganisation Afumati Dogs scheute trotz vieler weiterer Notfälle weder Kosten noch Mühen und ließ „Corb“ operieren. Im Anschluss blieb er drei Monate in deren Obhut und wurde im Herbst 2020 nach Deutschland in eine Pflegestelle in Friedrichskoog gebracht. Dort kümmerte sich eine Tierphysiotherapeutin täglich um den nun dreibeinigen Straßenhund und trainierte seine Muskulatur mit angepassten Übungen.
Während das Tier lernte, mit seinem Handicap klarzukommen, surfte Yvonne Reglin aus Norderstedt ziellos durchs Internet. „Wir hatten vor ein paar Wochen unsere 16 Jahre alte Retrieverhündin Lotti gehen lassen müssen und ich wusste, dass zu unserem Familienleben irgendwann wieder ein Hund gehören würde, doch aktiv habe ich damals nicht gesucht“, erzählt die 55-Jährige. Dann entdeckte sie durch Zufall auf der Homepage der Tierschutzorganisation die Vermittlungsanzeige von Carlo, wie der Rüde inzwischen hieß. „Ich war schockverliebt. Kniehoch, pechschwarz, Schlappohren – das war genau der Hund, den ich als Kind immer haben wollte. Für mich stand sofort fest: Den muss ich unbedingt kennenlernen, auch weil er auf den Fotos so fröhlich aussah.“ Der Hinweis auf die fehlende Gliedmaße schreckte weder Yvonne Reglin noch deren Tochter Merle ab, nach Friedrichskoog zu fahren.
„Als dort ein schwarzer Hund mit Speed auf uns zugerannt kam, habe ich ihn für ein anderes Tier gehalten. So schnell könne doch kein Hund mit einer derartigen Behinderung sein, dachte ich und lag völlig falsch, denn je schneller Carlo unterwegs ist, desto weniger fällt auf, dass ein Bein fehlt“, schildert Yvonne Reglin die erste Begegnung. „Mit seinem freundlichen Wesen und purer Lebenslust hat er uns sofort um seine Pfoten gewickelt. Wir haben ihn adoptiert und seit dem 1. Januar 2021 gehört Carlo zu uns und begeistert uns täglich mit seinem liebenswerten Wesen. Er ist sehr lernwillig, möchte unbedingt gefallen und alles richtig machen. Kein Wunder, in seinen Genen steckt der ungarische Mudi, eine familienfreundliche Hütehunderasse“, weiß die angehende Erzieherin.
Im täglichen Umgang mache Carlo hauptsächlich Spaß und gute Laune. Sicher, es gäbe gute und weniger gute Tage und Physiotraining sei nach wie vor wichtig. „Dafür macht er zuhause Gleichgewichtsübungen mit Balance Pads und wir sind mit ihm oft im benachbarten Alstertal unterwegs, wo er die Hänge rauf und runter rennen und beim Slalom um Bäume seinen Rücken dehnen kann. Nach 30 Minuten gibt es eine Pause, denn langes Laufen am Stück geht nicht“, berichtet die 24-jährige Merle. Das Schöne sei, dass Carlo keine Phantomschmerzen wegen des fehlenden Hinterbeins zeigt. „Wenn er motiviert ist – und das ist eigentlich immer – vergisst er scheinbar, dass er nur noch drei Gliedmaßen hat. Beim Pinkeln macht er nämlich manchmal ‚Handstand‘ auf den Vorderbeinen“, erzählt die Studentin lachend.
Einmal pro Woche sind die Frauen mit dem schwarzen Rüden beim Mantrailing. Dabei lernt er anhand einer Geruchsprobe die Spur eines bestimmten Menschen zu verfolgen und die Person auch zu finden. Die Arbeit fördert die Konzentrationsfähigkeit und macht den Tieren Spaß – so auch Carlo. „Zur Belohnung bekommt er seine heißgeliebten Gouda-Häppchen“, verrät Yvonne Reglin.
Zwei Mal pro Jahr startet der inzwischen neunjährige Hund sogar beim „Jederhundrennen“ des Windhundvereins am Höltigbaum. Auf 80 Metern gibt er dann richtig Gas und lässt so manchen Vier(!)beiner hinter sich. „Viele Hundehalter sind sichtlich beeindruckt von seinem Renntempo. Und mehr: Sie zollen uns Respekt, dass wir Carlo trotz seines Handicaps zu uns geholt haben. Uns ist wichtig, dem Hund ein tiergerechtes Leben zu bieten und möchten andere Menschen ermutigen, ebenfalls einem Hund mit Beeinträchtigungen eine Chance zu geben und ihn zu adoptieren. Die Tiere lassen durch ihre Dankbarkeit jeden körperlichen Fehler vergessen und geben unglaublich viel zurück“, weiß Yvonne Reglin und erzählt noch eine rührende Geschichte.
„Wir haben schon ein paar Mal beim Hunde-Aktiv-Tag auf dem Lindenhof in Tangstedt mitgemacht, bei dem Hunde und ihre Halter einen vielseitigen Parcours etwa mit Balancierbrettern, Strohburg und Flitzegasse absolvieren können. Bei einer Veranstaltung kam eine Frau auf uns zu und fragte, ob unser Hund Carlo wäre. Dann zeigte sie uns auf ihrem Handy Fotos von ihm, die nach seiner Rettung in Rumänien aufgenommen waren. Wir waren total verblüfft, bis sich herausstellte, dass auch die Frau im Herbst 2020 die Vermittlungsanzeige im Internet entdeckt hatte. Auch sie hatte damals Interesse an Carlo, doch wir waren ‚schneller‘. Im Nachhinein hat sie sich sehr gefreut, dass er bei uns ein liebevolles Zuhause gefunden hat, in dem es ihm gut geht.“
