Norderstedt. Daniel Hagemann traut sich etwas. Der 52-Jährige eröffnet am 15. November im kleinen Einkaufszentrum Immenhof in Glashütte eine neue Buchhandlung, seine "Bücherbien". Obwohl Hagemann weiß, dass die Deutschen immer weniger lesen, sich nicht mal eine halbe Stunde am Tag mit Büchern beschäftigen, einer Zeitschrift oder Zeitung – dagegen viermal so viel Zeit vor dem Fernseher oder Computerschirm verbringen, wie das Statistische Bundesamt 2024 ermittelte.
Hagemann lässt seine „Bücherbiene“ trotzdem fliegen. Wo könnte sie besser hinpassen, als in den Immenhof. "Imme" ist das althochdeutsche Wort für Biene.
Eine Portion Idealismus bringt der gebürtige Niedersachse mit, aber auch fundiertes Wissen über die Branche, die von Online-Versandhändlern und großen Buchhandlungsketten dominiert wird – knallharte Konkurrenz.
Aber Daniel Hagemann weiß, worauf er sich einlässt. Seit 2016 ist er Inhaber der „Bücherstuben“ am Langenhorner Krohnstieg sowie in Fuhlsbüttel und kennt das mühsame Geschäft unabhängiger Buchhandlungen, die vor allem von Stammkunden leben. „Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben“, sagt der großgewachsene Mann sarkastisch.
Dass er nun auch in Norderstedt eine Filiale hat, ist allerdings mehr dem Zufall zu verdanken. „Mein Vermieter am Krohnstieg wollte mit dem anstehenden Auslauf unseres Vertrages die Miete erhöhen, was sich für mich nicht mehr gerechnet hätte, deshalb habe ich mich alternativ umgeschaut und über einen Makler die seit drei Jahren leerstehende ehemalige Apotheke angeboten bekommen“, erzählt Daniel Hagemann. „Gerne hätte ich eine bestehende Buchhandlung im näheren Umkreis übernommen, aber das hat sich leider nicht ergeben. Bereits nach der ersten Besichtigung Anfang Juni ging mir das Objekt dann nicht aus dem Sinn, auch nicht, nachdem der Vermieter in Langenhorn überraschend den Vertrag verlängerte und auf die Mieterhöhung verzichtete.“
Der Zauber des Immenhofes und die Lage begeisterten Hagemann, der seit vielen Jahren in Garstedt lebt, sofort. „Der Standort ist großartig. Es gibt mit Supermarkt, Restaurant und Änderungsschneiderei attraktive Läden, in denen sich entspannt einkaufen lässt und durch die Kita herrscht viel Laufkundschaft. Im gemütlichen Immenhof ist eigentlich immer etwas los – und nun bereichern auch wir das Angebot.“
Der Mietvertrag wurde im August unterschrieben; am 15. Oktober war die Schlüsselübergabe für die 97 Quadratmeter und seitdem renovieren Hagemann und sein Ehemann Ulf, der Musik- und Geschichtslehrer am Lise-Meitner-Gymnasium ist. Tapetenkleister und Pinsel statt Lyrik und Krimis. „Wir machen viel in Eigenleistung, um Geld zu sparen. Außerdem macht es stolz, etwas selbst gemacht zu haben und es entsteht eine besondere Verbindung zu dem Laden. In den ‚Bücherstuben‘ haben wir es ebenso gemacht.“
Hagemann ist kein Buchhändler im klassischen Sinne – ganz im Gegenteil. Nach dem Abitur studierte er Operngesang und tourte als ausgebildeter Countertenor 16 Jahre durch die Welt mit Stationen wie Paris, Tokio, New York und Simbabwe, war Teil von großen Produktionen wie „Cabaret“, „Vivace“ und Witzigmanns „Palazzo“. „Dann hatte ich genug vom Leben aus dem Koffer. Als sein damaliger Mann Torsten 2016 die alteingesessene Buchhandlung in Fuhlsbüttel von seiner Mutter übernahm, war das auch für mich der Einstieg ins Buchgeschäft, denn eine Leidenschaft für Bücher habe ich bereits mein Leben lang. Dann ein Schicksalsschlag, sein Mann Torsten starb. Aber Hagemann führt dessen Lebenswerk fort und übernahm die Buchhandlung.
Hagemanns Begeisterung für Geschriebenes ist deutlich spürbar: "Ich bin ein großer Fan von Fantasy, lese aber auch gerne erstklassige Krimis und auch mal einen guten Liebesroman. Jedes Buch ist die Einladung in eine andere Welt und ich glaube, der Bedarf nach solchen ‚Reisen‘ wird immer da sein“, erzählt Hagemann euphorisch.
Den Abschied von den großen Auftritten hat der Profi-Sänger nicht bereut. „Meine Läden sind für mich wie eine Bühne und die Kunden wie das Publikum – alle erwarten, dass ich abliefere, ob Musik oder Literarisches.“ Und manchmal steht der Chef auch noch als Countertenor auf dem Podium, das ein fester Bestandteil jeder seiner Filialen ist, denn neben Liederabenden finden über das ganze Jahr verteilt Autorenlesungen mit persönlichen Gesprächsrunden, Konzerte und kulinarische Aktionen statt.
Auch die „Bücherbiene“ wird anders sein als eine gewöhnliche Buchhandlung. Dafür sorgt schon die besondere Einrichtung: Im Eingangsbereich wird ein glänzend schwarzer Flügel stehen. „Beim Eröffnungskonzert Anfang Januar kommt er erstmals zum Einsatz“, verspricht Daniel Hagemann, der sich in der Norderstedter Stadtvertretung für die Grünen im Ausschuss für Schule und Sport engagiert.
Ein großer Vorteil unabhängiger Buchhandlungen sei, ein ausgefalleneres Sortiment neben Mainstream-Literatur und Bestsellerautoren bieten zu können. „Bei uns findet man auch Ungewöhnliches“, sagt der Bücher-Enthusiast. Von seinem dritten Standort erhofft er sich bessere Verhandlungspositionen gegenüber den Verlagen und günstigere Einkaufspreise, die allen Kunden zugutekommen könnten.
Die Norderstedter Leserinnen und Leser und ihre Vorlieben kennt er noch nicht, „aber ich freue mich darauf, ihnen zu begegnen und ihren Geschmack herauszufinden.“ Aus diesem Grund bekommt die „Bücherbiene“ auch exklusive Betreuung durch den Chef.
Los geht es am Samstag, 15. November, ab 10 Uhr. „Es wird Snacks geben und einen mit Prosecco gut gefüllten Kühlschrank zum Anstoßen auf den Neustart“, freut sich Daniel Hagemann.
